„ICH HALTE NIEMANDEN VOM SUIZID AB“

IM GESPRÄCH MIT SANDRA MEYER* VON DER TELEFONSEELSORGE OSNABRÜCK

Sandra Meyer sitzt ganz ruhig an ihrem Tisch, nimmt einen letzten Schluck Kaffee und stellt ihr Lämpchen auf Grün. Sofort klingelt das Telefon. „Telefonseelsorge Osnabrück, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Sie ist eine von 75 Mitarbeitern der Telefonseelsorge der Diakonie Osnabrück Stadt und Land. 2014 hat sie ihre einjährige Ausbildung angetreten und ist seitdem ehrenamtlich tätig. Wir haben mit ihr anlässlich des 40. Jubiläums der Telefonseelsorge gesprochen.

Sandra Meyer betont bereits zu Beginn, dass sie keine ausgebildete Therapeutin oder Psychologin ist. „Wir sind für die Anrufer ein menschliches Gegenüber, das Gefühle und Emotionen aufnimmt, darüber redet und versucht, ihre Sorgen zu verstehen.“ Zuhören ist dabei enorm wichtig, besonders bei jugendlichen Anrufern. In der Seelsorge selbst arbeiten größtenteils Menschen mittleren Alters. Daneben sitzen lediglich wenige Studenten, die neben Studium und Arbeit die Zeit finden. Sehr schade, findet Meyer, da in Zeiten von Social Media gerade Jugendliche häufig an Depressionen, Mobbing und sogar Suizidgedanken leiden und sich nicht selten scheuen, dies direkt Angehörigen oder Freunden anvertrauen. Deshalb wurde vor einem Jahr zusätzlich der Online Chat eingeführt, den Meyer ebenfalls mitbetreut. Man schreibt von seinen Problemen, von Einsamkeit und Krankheit – meist benötigt der Anrufer, so Meyer, lediglich jemanden, der wertfrei zuhört, oder eben mitliest. Denn die Seelsorge ist für viele die erste Anlaufstelle.Meyer: „Eine Chatterin schrieb mir einmal, sie könne gar nicht über ihr Problem sprechen, weil sie sonst weinen müsste. Das hat mich sehr berü

Zuhören ist enorm wichtig

Was Meyer jedoch in den letzten fünf Jahren am meisten berührt hat, war ein Anruf aus dem Krankenhaus. Ein kleines Mädchen mit einem Hirntumor lag nachts alleine in ihrem Zimmer und hatte Angst, landete in der Leitung von Sandra Meyer und telefonierte über zwei Stunden mit ihr. „Wir sprachen über ihre Krankheit, was sie bedrückt und sie erzählte mir Dinge, die sie gerne machen würde, wenn sie gesund wäre. Dass sie gerne Fußballspielen würde, dies aber aufgrund ihrer Erkrankung nicht dürfe.“ 2010 war Meyer ebenfalls schwerkrank, sie hatte Angst um ihr Leben und erinnert sich heute, dass sie gerne mitten in der Nacht mit jemanden gesprochen hätte. Ein Schlüsselerlebnis, weshalb sie sich entschieden hat die Ausbildung zu absolvieren. Aber nicht nur die Fähigkeit des Zuhörens ist wichtig. Man sollte zudem emotional belastbar sein und immer eine gewisse Distanz zum Anrufer wahren.

Seelsorge für viele die erste Anlaufstelle

Man muss lernen nicht zu viel über das danach zu grübeln. „Hat sich die Person nach unserem Telefonat schlussendlich vor den Zug geworfen?“ Meyer: „Gerade mit dem Thema Selbstmord ist es schwierig umzugehen. Man fragt den Anrufer natürlich weshalb das Leben so aussichtslos scheint. Wenn der Anrufer meint, er muss diesen Weg gehen, bin ich nicht diejenige, die ihn aufhalten kann, denn meist steht der Entschluss längst fest.“ Dennoch sieht sie einen derartigen Anruf auch als Hilferuf, in dem noch ein Funken Hoffnung steckt. Auf die Frage, was ihr bisher schlimmster Anruf gewesen ist, hat Sandra Meyer eine klare Antwort: „Es ist nicht ein bestimmter Anruf. Es sind die Scherzanrufe, die leider noch viel zu oft durchkommen. Ich gebe alles, versuche mitzufühlen und plötzlich lacht eine Gruppe von Leuten im Hintergrund. Danach hat man oft Schwierigkeiten den nächsten Anrufer ernst zu nehmen.“ Abschließend wünscht Sandra Meyer sich, dass noch mehr Menschen Teil der Telefonseelsorge werden, denn viel zu oft treffen Ratsuchende auf eine besetzte Leitung. Interessenten am Ehrenamt in der TelefonSeelsorge können sich per E-Mail (telefonseelsorge@diakonie-os.de) oder telefonisch (0541/260105) melden.

Die Nummer für Ratsuchende: 0800-1110111.

*Name wurde von der Redaktion geändert.