Kneipe statt Karibik


Aufn Korn mit Olaf Richter, Treibhaus Osnabrück

Mit 16 von Zuhause weg, Ausbildung zum Hotelkaufmann am Tegernsee, sein großes Ziel: Hotelmanager in der Karibik werden. 41 Jahre später ist er Wirt, Servicekraft, Buchhaltung, Bürohengst, Vermieter und Verpächter sowie Eventmanager in einer Person. Ungefähr 16.736 km von der Karibik entfernt. Im Treibhaus in der Johannisstraße. Ein Besuch bei Olaf Richter in einer der geschichtsträchtigsten Kneipen der Stadt.

Als der Anruf von seiner Mutter kam, dass der Pachtvertrag des Gebäudes ausliefe, war für Richter klar, dass es zurück in die Heimat geht. „Das war meine Entscheidung für’s Leben. Klar hat man das auch mal bereut“, sagt er heute über seine Rückkehr im Jahr 1981; für die Karibik war so gut wie alles vorbereitet. Heute scheint die Reue verarbeitet. Einzig und allein die Trennung vom Keller tat sehr lange weh. Kein Wunder: Die Ära Richter hat sich in der Johannisstraße/Ecke Große Rosenstraße vom Harmonie Club, über das Ambassador mit erstmaliger Selbstständigkeit, das TaTou und Castell, jahrzehntelang erfolgreich fortsetzen können. Nach Olafs Einstieg kam das Bier- und Speisehaus Landsknecht, heute das Treibhaus, in das Erdgeschoss. Darauf konzentriert er sich bis heute. Im Obergeschoss, der Erkerstube, wuchs der Kneipier als Kind auf bevor Ende der 70er der Umzug in ein Haus nach Harderberg anstand. Das Gastroblut fließt nicht, es stürmt durch ihn. Arbeitsbeginn morgens um 8 Uhr, Ende am anderen Morgen um 10. Wenn bei ihm nicht lange gefeiert wurde, ging er selbst noch mit Freunden los. Alando bis sechs, Büroarbeit ab acht. Jeden Tag Bar- und Restaurantbetrieb, nebenbei noch Events mit der pottblume und Straßenfeste. „Immer Vollgas“ – ein Motto, von dem er sich nun, auch auf Anraten seiner Frau Irene und Töchter, eher distanziert. Das Arbeitstier kriegt man dennoch nicht aus Olaf Richter raus – unvernünftig mag man nun denken. Vielleicht hat er es aber auch einfach nur drauf, denn vernünftig ist er: Erst Anfang 2020 wechselte er zur Krombacher-Brauerei, da diese Räumlichkeiten auch durchaus anpachten im Gegensatz zu vielen Konkurrenten. „Ich denke da natürlich auch weiter. Kann sein, dass ich in drei, fünf oder zehn Jahren in Rente gehe. Dafür braucht man einen Plan.“ Der Stratege, wie er im Buche steht, ein vollkommener Realist.

 

„Ich gehe mittlerweile selten weg, aber wenn ich gehe, geh‘ ich steil“

Ob er traurig sei, dass seine Töchter bislang keine Signale senden, den 50 Jahre bestehenden Familienbetrieb fortzuführen? Schön wäre es, muss aber nicht. Realistischer und objektiver wird’s nicht mehr. Weiteres Beispiel: Sein guter Freund Mario Basler bot ihm an, bei seinem Gastrokonzept auf Mallorca einzusteigen. Richter winkt ab, er konzentriere sich lieber auf das, was er bereits hat. Gerade in dieser Branche ist es leicht durchzudrehen, sich in zu viel Party zu verlieren, Läden gegen die Wand zu fahren, zu viele Projekte auf einmal stemmen zu wollen. Genau das Gegenteil ist hier der Fall. Trotz der unerfreulichen Entwicklung der Johannisstraße kann das Treibhaus nicht klagen. Schon ab 11 Uhr trudeln hier die ersten Stammgäste ein, die rund 90% der Kundschaft und somit auch des Erfolgs ausmachen. „Vor allem die Pils-Korn-Generation stirbt einem langsam weg, aber man merkt, dass sich gerade auch viel bei Jüngeren tut. Viele haben wieder Bock auf gemütliches Beisammensein, Knobeln und ein ehrliches Schnitzel statt Pizza und Döner“, stellt der Wirt fest. Das Treibhaus mit seinem gemütlichen Holz-Interieur, den Glaselementen und Türen aus alten, walisischen Kirchen und dem Stammpersonal, das teils seit 30 Jahren mit im Betrieb arbeitet, ist etwas Besonderes.

 

 Das Comeback des ehrlichen Schnitzels

Nicht nur in Osnabrück, sondern gefühlt auch über die Grenzen hinaus. In der gesamten Geschichte hat es sich nie völlig an Trends und den Zeitgeist angepasst, immer die eigene Schiene gefahren und war in jedem Jahrzehnt dennoch immer ganz vorne mit am Start. Vielleicht ist es genau diese Beständigkeit, die das Lokal in einer Zeit, in der Läden leer stehen, Pächter gewechselt werden wie Unterwäsche und Systemgastronomien die Innenstädte übernehmen, so lange existieren lässt. Auch wenn man noch nie hier war, ist es wie nach Hause kommen. Auch wenn man Olaf Richter zuvor noch nie begegnet ist, ist er kurz danach eine Bekanntschaft, die man so schnell nicht vergisst. Sei es aufgrund seiner Lebensweisheiten zwischen den Zeilen oder der Art mit dem Leben umzugehen. Am besten beschreibt ihn vermutlich seine Antwort auf die Frage, nach einem der schönsten Momente während seiner Zeit im Treibhaus: „Mit einem meiner besten Freunde morgens um fünf im Kühlhaus sitzen und ne Frikadelle essen – das sind schöne Momente für mich.“ Wir wären gerne mit dabei gewesen!