Interview im Gefängnis

JVA-Vollzugsbeamtin Sandra Mathiske im Interview

THE NEW INSIDER: Wie bist du im Gefängnis gelandet?

Sandra Mathiske: Früher gab es einen großen grünen Bus, der mit den Häftlingen am Neumarkt immer vom JVA-Parkplatz abgefahren ist. Als Jugendliche war ich dann total neugierig und wollte sehen, was dahinter steckt und so wuchs mein Interesse. Mein bester Freund wusste, dass ich den Job gerne machen würde und hat eine Stellenanzeige in der Zeitung gesehen. Daraufhin habe ich mich hier in der JVA am Kollegienwall beworben.

Kannst du dich an deinen ersten Arbeitstag erinnern?

Ich war natürlich gespannt und aufgeregt. Wer arbeitet hier so, wie sieht ein Tagesablauf aus? Die ganzen Eindrücke waren schon überwältigend. Bis heute habe ich meine Entscheidung nicht bereut.

Macht dein Beruf dir Spaß?

Ja definitiv. Dadurch, dass hier  wechselnde Klientel herrscht, ist immer Abwechslung da. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist auch toll, man kann sich aufeinander verlassen.

  Was sind deine Aufgaben?

Auf der Station bin für den Tagesablauf und die Belange der Gefangenen zuständig. Wenn diese Fragen oder Anliegen haben, können sie immer auf uns zukommen. Darüber hinaus begleite ich Besuchertermine und Treffen mit der Polizei oder dem Rechtsanwalt.

Was ist das schwierigste an deinem Beruf?

Das passende Zusammenspiel zwischen Nähe und Distanz zu den Inhaftierten zu finden.

Wie haben deine Familie und Freunde auf deinen Berufswunsch reagiert?

Natürlich haben viele gefragt „Hast du nicht Angst dort zu arbeiten?“. Ansonsten war die Resonanz sehr positiv. Viele sind neugierig.

 

Einzelzelle, warmes Essen, Fernseher auf dem Zimmer. Findest du, deutsche Häftlinge haben es zu gut?

Nein. Ich weiß, dass der Volksmund so etwas gerne sagt. Viele unterschätzen jedoch wie schwierig es ist den Kontakt zu außen komplett aufzugeben und nicht mehr über sein eigenes Leben entscheiden zu dürfen.

Bei vielen Inhaftierten erlangst du einen Einblick in die Privatsphäre. Wie gehst du mit dieser „Macht“ um?

Sehr verantwortungsbewusst. Es ist ein bisschen wie bei der ärztlichen Schweigepflicht. Neugierigen Verwandten und Freunden erzähle ich von dem einen oder anderen  Erlebnis, ohne aber explizit detaillierte Informationen und Namen zu nennen. 

Gerade aus Film und Fernsehen bekommen wir ein verzerrtes Bild vom Gefängnis: Der Neue bekommt erst einmal eine auf die Nase und merkt schnell wer das Sagen hat. Gibt es solche Situation wirklich?

Ich habe oft eher das Gegenteil mitbekommen. Gerade Jüngeren wird hier unter die Arme gegriffen. „Neulinge“ werden eigentlich ganz gut aufgenommen. Klar gibt es auch Mal Stress unter den Gefangenen. Aber das ist eher die Seltenheit. Stress kommt in den besten Familien vor (lacht).

Behandeln dich die Häftlinge anders, weil du eine Frau bist?

Ja, aber nicht im negativen Sinne. Klar gibt es auch die, die sagen „du bist ‘ne Frau, von dir lass ich mir nichts sagen“. Man merkt aber, dass die Gefangenen mir gegenüber ihr männliches Ego nicht so rauslassen, wie sie es bei meinen Kollegen tun.

Wurdest du von Inhaftierten auch schon mal angemacht?

Ja definitiv, aber das bleibt meist alles im Rahmen. Wenn es zu viel wird, nehmen wir die Gefangenen auch mal zur Seite und machen klar, dass wir kein Interesse haben und bitten derartige Ausdrücke zu unterlassen.

Gibt es Situation in denen du Angst vor den Gefangenen hast?

Man kriegt relativ schnell mit, ob ein Gefangener angespannt ist oder nicht. Das gehört zum Job dazu. Dazu werden wir passend ausgebildet. Dennoch weiß ich, dass jederzeit Kollegen in der Nähe sind – Angst habe ich demnach nicht.

Wurdest du schon einmal bedroht?

Verbal ja, aber eine körperliche Auseinandersetzung hatte ich persönlich noch nicht.

Wie viel Arbeit nimmst du mit nach Hause?

Wenn ein Kollege verletzt wird, beschäftigt mich das zu Hause schon sehr. Aber auch harte Schicksale der Gefangenen nehmen mich mit.

Was war das schlimmste, das Kollegen passiert ist?

Ein Gefangener hat mal eine Zelle in Brand gesetzt, in der zwei Kollegen bei einem erfolgreichen Rettungsversuch eine Rauchvergiftung erlitten haben. In anderen niedersächsischen Anstalten gab es auch männliche Übergriffe auf Frauen. Das kriegt man natürlich alles mit.

Was war das Skurrilste, das du bei Haftraumkontrollen gefunden hast?

Mein persönliches Highlight war eine selbstgebastelte Tätowiermaschine. Gefangene werden aus Langeweile total kreativ und basteln Figuren und ganze Gebäude aus Klopapierrollen Wir finden viele schöne Dinge, wie selbstgemalte Bilder.

Die JVA am Kollegienwall wird in nächster Zukunft abgerissen und neugebaut – wo geht es für dich in der Zwischenzeit hin?

Für mich geht es wahrscheinlich in die Untersuchungshaft für männliche Jugendliche der JVA Vechta. Nach dem Neubau würde ich aber gerne zurückkehren.

Könntest du dir auch vorstellen in einem Frauengefängnis zu arbeiten?

Überhaupt nicht. Das wäre mir zu viel Drama und Zickenkrieg.