Wieso ziehst du nicht endlich weg?

Warum Sabine Steiwer schon 35 Jahre im Schinkel wohnt

Der Osnabrücker Stadtteil Schinkel befindet sich durch die Teilnahme am städtebaulichen Förderprogramm
„Soziale Stadt“ aktuell in einem Veränderungsprozess. Durch dieses Programm soll der Schinkel
baulich und strukturell für seine BewohnerInnen aufgewertet werden. Unter anderem soll durch die Jugendumfrage
„Schinkel asozial? #nofront“ herausgefunden werden, wie junge Menschen den Stadtteil aus ihrer
Perspektive wahrnehmen. Auch der Bürgerverein Schinkel von 1912 e.V. setzt sich für die Interessen der
Bewohner ein und stellt eine Verbindung zwischen Stadt und Bürger her. Wir haben mit Sabine Steiwer gesprochen,
die Teil des Vorstands ist und den Schinkel bereits seit 35 Jahren ihre Heimat nennt.

Mit 24 Jahren ist Sabine Steiwer, damals in der Punkszene aktiv, in den Schinkel gezogen. Anfangs lebte sie in einer Mädels-WG und lernte dabei den Stadtteil noch als richtiges Arbeiterviertel kennen. Die großen Firmen wie Klöckner und Karmann waren demnach Magneten für ausländische Gastarbeiter, die sich immer mehr im Schinkel ansiedelten. Dieses „Multi-Kulti“ gefiel ihr damals als junge Frau besonders – auch heute noch. Sabine Steiwer: „Ich höre noch immer Sätze wie ‚Wieso ziehst du nicht endlich weg?‘ Ich persönlich sehe aber keinen Grund für einen Umzug. Wenn man sich Zeit für die Nachbarn, Bewohner und Co. nimmt, erkennt man die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit erst.“ Steiwer muss seit jeher mit Vorurteilen kämpfen. Viel schlimmer sei es jedoch für die Minderheiten selbst, die von vorneherein abgestempelt werden. Wer jedoch selbst dort wohne, könne die Situation ganz anders bewerten.

MIT 24 JAHREN ÜBERFALLEN

„Der Schinkel ist ein Schmelztiegel verschiedener Nationen und Kulturen. Da kann es sein, dass man auch mal mit den Händen und Füßen kommunizieren
muss. Aber es geht. Viele Geschichten werden überbewertet und wir selbst kriegen von den Problemen, die uns immer nachgesagt werden weniger mit.“ Bestimmte „No-Go-Areas“ kenne Sabine Steiwer nicht. Dennoch gab es Zeiten, in denen sie bestimmte Ecken gemieden hat. In ihrem ersten Jahr ist sie auf dem Fahrrad von mehreren Männern überfallen worden. Das war ein Tag, der sie bis heute geprägt, jedoch nicht verängstigt hat. „Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Das hätte in jedem Stadtteil passieren können. Ich habe nie der Straße oder den ausländischen Bewohnern die Schuld dafür gegeben.“ Letztlich waren es zwei Männer mit türkischem Migrationshintergrund, die die heute 60-Jährige vor Schlimmerem gerettet haben.

POLITISCHE MITGESTALTUNG

Weil sie in ihrer alten Wohnung ein Rattenproblem hatte, besuchte sie damals den Vorstand des Bürgervereins. Nachdem der Missstand schnell behoben war, entschied sie sich selbst
Teil davon zu werden. Bewohner mit Migrationshintergrund sind hier jedoch weiterhin unterrepräsentiert. „Die meisten wissen gar nicht, dass es uns gibt und was wir machen. Natürlich gehen wir auf die Migranten und Jugendlichen zu. Diese haben jedoch aktuell andere Prioritäten. Hier müssen noch weitere Schritte getätigt werden.“ Der Verein war unter anderem beteiligt an der Mitgestaltung des Hasespielplatzes und diskutiert aktiv mit der Stadt über die Umsetzung des VfL-Trainingszentrums und neuem Schinkelbads. Sabine Steiwer lebt gerne im Schinkel und wünscht sich, dass den ausländischen Bewohnern die Chance zur sozialen Integration gegeben wird.