Insider des Monats: Christian Hardinghaus

TNI: Du schreibst Sachbücher, historische Romane und Thriller. Ganz ehrlich: Was schreibst du am liebsten?
CHRISTIAN HARDINGHAUS: Um zu sagen, dass ich glücklich mit dem bin, was ich mache, brauche ich beides. Das Sachbuch schreiben ist der Historiker und der Journalist in mir, der recherchiert und Menschen trifft. Der Thriller hat für mich Unterhaltungswert, regt meine Fantasie an. Bei einem Sachbuch muss ich einen klaren Kopf haben und prüfen, ob es sich
um einen Fakt handelt. Im Roman habe ich die Freiheit, mir etwas auszudenken.

Das Finale deiner Trilogie „Die verlorene Generation“ ist im Oktober erschienen. Worum geht es darin?
Es behandelt die jüngsten Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges – die Kindersoldaten. Das sind die restlichen überlebenden Zeitzeugen der Jahrgänge 1927 bis 1931. Diese wurden damals sehr darauf getrimmt, dass sie unbedingt kämpfen wollten – ganz anders als die erwachsenen Soldaten. Je jünger die Kinder waren und je näher das Kriegsende rückte, desto feuriger waren sie für das Kämpfen. Das ist ein sehr sensibles und brisantes Thema. Ich erzähle unbeschönigt von den Kindheitserlebnissen der 13 Zeitzeugen, die Luftwaffenhelfer, Volkssturmjungen, Werwölfe oder in HJ-Kampfverbänden waren.

Stichwort Erinnerungskultur: Warum ist es wichtig, zu erinnern – unbeschönigt und authentisch?
Ganz viele heutige Probleme gesellschaftlicher und politischer Art könnten wir lösen, wenn wir uns mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt und Lehren daraus gezogen hätten. Wir hören nicht mehr zu. Eine Gesellschaft, die sich nicht mit ihrer Geschichte befasst, hat keinen Charakter. Denn wir haben nur das, was uns die Menschen hinterlassen haben. Und gerade das Thema Krieg ist immer noch schuld- und schambehaftet.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt nun über 75 Jahre zurück. Findest du überhaupt noch Zeitzeugen und vor allem wie findest du sie?
Das ist jetzt mein viertes großes Zeitzeugenbuch. Mittlerweile bekomme ich fast täglich Zuschriften von Zeitzeugen. Die Leute lesen meine Bücher, erinnern sich an ihre eigene Geschichte, kramen Briefe und Tagebücher hervor und melden sich bei mir. Damit habe ich jetzt einen kleinen Pool aufgebaut. Ansonsten gibt es aber auch verschiedene Zeitzeugenbörsen oder den Bund der Vertriebenen, die mir helfen. Also es gibt sie noch. Sie müssen nur bereit dazu sein, mit mir zu sprechen und gesund sein.

Ist es schwer, mit diesen Einzelschicksalen umzugehen?
Ich muss schon mit der nüchternen Historiker-Brille an die Gespräche herangehen. Ich erfahre Geschichten, bei denen die Interviewten teilweise selber weinen. Da muss ich einen klaren Kopf behalten, damit das Gespräch weitergeht. Aber mich verfolgt das schon alles. Es geht da immerhin echt ums Töten und getötet werden. Im Gespräch blende ich das Emotionale aus und konzentriere mich auf das, was die Person erlebt hat. Dafür muss man schon sehr stark sein. Das historische Hintergrundwissen hilft mir, um so etwas einzuordnen. Ich verarbeite das alles, indem ich es aufschreibe, Hintergründe recherchiere und über meine Bücher spreche.


Ist auch ein Osnabrücker Zeitzeuge in deinem neuen Buch dabei?

Ja, Max Brink war in Osnabrück Luftwaffenhelfer. Er wurde dazu mit 15 Jahren verpflichtet. Gemeinsam wurden sie von der Domschule zur Flakbatterie gefahren. Diese besteht meist aus vier Flaks, an denen je bis zu neun Kindersoldaten eingesetzt wurden, um sie zu bedienen. Das waren Kanonen, mit denen sie Flugzeuge abschießen sollten. Von seiner Station aus konnte er sein Haus beobachten und hatte ständig Angst, dass seine Eltern getroffen werden. Irgendwann wurde er dann nach Münster abzogen, um einen Militärflughafen zu schützen. Dort war er zum Kartoffelschälen eingeteilt, als seine Plattform mit seinem Geschütz getroffen wurde. Einen seiner Kameraden hat er ohne Kopf gefunden, der andere wurde schwer verletzt und ist später verstorben.

Autor und Journalist – das hört sich spannend an. Wie lebt es sich damit?
Ich habe immer viel zu tun, wenig Schlaf. Es ist sehr abwechslungsreich, ich reise viel, kann aber auch sehr einsam sein. Bei den Norderney-Krimis bin ich alleine auf die Insel gefahren und hatte so viele Figuren in meinem Kopf, dass ich überhaupt gar keine anderen Menschen mehr brauchte. Als Autor muss man gut alleine zurechtkommen. Und zuletzt ein Blick in die Zukunft:

Sitzt du schon am nächsten Roman? Was ist geplant?
Ja, ich sitze an einem neuen Sachbuch. Inhaltlich kann ich aber noch nichts verraten.