Nach der Steuersenkung: Wie geht’s der Gastro?
Das Gastro-Dilemma
Kann die Mehrwertsteuersenkung die Branchenkrise abfedern?
Es geht längst nicht nur um sieben oder neunzehn Prozent. Es geht um Existenzen, Lebenswerke und die Frage, was uns ein gemeinsames Essen wert ist. Die Mehrwertsteuer-Debatte in der Gastronomie wird mit einer Vehemenz geführt, die zeigt: Hier steht mehr auf dem Spiel als ein paar Prozentpunkte. Für Gäste geht es um bezahlbare Restaurantbesuche. Für Wirte um ihre wirtschaftliche Zukunft. In Osnabrück und der Region haben wir mit Gastronomen gesprochen. Ihre Stimmen schwanken zwischen Hoffnung und Frust – und manchmal auch zwischen Trotz und Erschöpfung. Was viele besonders trifft: der Vorwurf, sie seien „gierig“, wenn sie die Steuersenkung nicht eins zu eins an ihre Gäste weitergeben. „Das macht einen schon wütend“, sagt einer. Denn hinter jedem Preis steht eine Rechnung, die aufgehen muss.
„Essen gehen ist zu günstig“
Peter Blanke von der Portobar sagt einen Satz, der hängen bleibt: „Grundsätzlich ist Essen gehen in Deutschland zu günstig.“ Ein Satz, der provoziert – und der doch einen wunden Punkt trifft. Jahrzehntelang war Gastronomie hierzulande vergleichsweise erschwinglich. Doch während Mieten, Energie, Wareneinsatz und Löhne immer weiter steigen, blieb die Erwartungshaltung vieler Gäste konstant: gute Qualität, große Portionen, freundlicher Service – und das bitte möglichst günstig. Schon vor der Pandemie, Energiekrise und Inflation arbeiteten viele Restaurants mit Margen, die kaum Luft ließen. Die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen sei daher „ein kleiner Ausgleich für die vergangenen Jahre“ gewesen, sagt Blanke. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger. Vor allem der gestiegene Mindestlohn bringt viele Kalkulationen ins Wanken. Blanke spricht von einer „künstlichen Inflation“: Steigende Personalkosten schlagen direkt auf die Preise durch. Nicht, weil Wirte es wollen – sondern weil sie müssen.
Ein Dauerstreit mit Symbolkraft
Tobias Neumann vom Whobert erinnert daran, dass die Debatte kein neues Phänomen ist: „Das Mehrwertsteuer-Thema gibt es seit 20 Jahren.“ Seit Jahrzehnten wird debattiert, warum das belegte Brötchen im Supermarkt günstiger besteuert wird als das frisch zubereitete Gericht im Restaurant. „Die Diskussion ist emotional sehr aufgeladen. Es ist ein unglaublicher Druck auf unserer Branche“, sagt Neumann. Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) kämpft seit Jahren für einen ermäßigten Steuersatz. Wolfgang Hackmann, 1. Vorsitzender des Bezirksverbands Osnabrück, formuliert es deutlich: „Außer-Haus-Verkauf und fertige Lebensmittel aus dem Einzelhandel werden mit sieben Prozent besteuert – aber die Gastronomie nicht? Das ist nicht logisch.“ Er verweist auf eine alarmierende Entwicklung: „Rund ein Viertel aller eröffneten Insolvenzverfahren, betrifft die Gastronomie. Wer da noch denkt, wir übertreiben, verkennt die Lage völlig.“
Kleine Betriebe, große Ketten
Für zusätzlichen Zündstoff sorgt die Tatsache, dass auch internationale Fast-Food-Ketten von der Steuersenkung profitieren. McDonald’s etwa warb offensiv mit günstigen Angeboten. Während inhabergeführte Restaurants oft jeden Euro zweimal umdrehen, verfügen große Ketten über Marketingbudgets und wirtschaftliche Reserven, von denen kleine Betriebe nur träumen können. Für manche fühlt sich das wie ein ungleicher Wettbewerb an. Und doch sagt Hackmann: „Auch Fast-Food-Ketten sind Kolleginnen und Kollegen. Da stehen wir zusammen.“ Ein Satz, der Solidarität betont – in einer Branche, die selten geschlossen auftritt.
Ein Rettungsring – aber kein Ufer
Holger Bäumker vom Gasthaus zum Dörenberg in Bad Iburg versucht den Spagat: „Wir geben etwa 50 Prozent der Einsparung an die Gäste weiter.“ Ein Teil bleibt im Unternehmen, um steigende Kosten abzufedern. Ein Balance-Akt zwischen Kundenbindung und wirtschaftlicher Notwendigkeit. Doch Bäumker bleibt realistisch: „Die zwölf Prozent werden die Branche langfristig nicht retten.“ Die Mehrwertsteuersenkung sei kein Heilmittel, sondern ein Rettungsring in stürmischer See – aber kein sicheres Ufer.
Die Narben der Krisen
Die vergangenen Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen: monatelange Lockdowns, Mitarbeitende, die der Branche den Rücken kehrten, steigende Energiepreise, Rückforderungen von Corona-Hilfen. Viele Betriebe arbeiten noch immer daran, sich finanziell zu stabilisieren. Die temporäre Steuerentlastung war für viele ein Zeichen politischer Unterstützung. Doch strukturelle Probleme bleiben. Planungssicherheit fehlt, Kosten steigen weiter. Gleichzeitig ist die Konsumlust vieler Gäste angesichts allgemeiner Inflation und Preissteigerungen gedämpft.
Mehr als ein Wirtschaftszweig
Am Ende geht es um mehr als Steuersätze. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert die Gastronomie in unserer Gesellschaft hat. Restaurants sind Treffpunkte. Orte für Geburtstage, erste Dates, Geschäftsabschlüsse und Wiedersehen. Die Stimmen aus der Region Osnabrück zeigen: Die Branche kämpft. Mit Kreativität, Pragmatismus und Leidenschaft. Sie will – wie andere Branchen – Geld verdienen, aber sie ist eben auch ein sozialer Anker, damit Menschen gemeinsam feiern, essen, lachen oder diskutieren können.
