
Titelstory: Schlank um jeden Preis
Wie gefährlich ist die Abnehmspritze?
Der Kühlschrank ist fast leer. Keine Schokolade, keine Chips, keine heimlichen Versuchungen am Abend. Vor wenigen Wochen hätte Tobias Schenk (Name geändert) dieser Anblick nervös gemacht. Heute zuckt der 44-Jährige mit den Schultern. „Ich habe keinen Heißhunger mehr“, sagt er im Gespräch mit TNI. Seit einem Monat spritzt er sich einmal pro Woche ein Medikament gegen sein Übergewicht. Knapp fünf Kilogramm hat er bereits verloren. „Anfangs hatte ich Migräne und mir war gelegentlich übel. Das ist aber besser geworden. Der Blick auf die Waage motiviert mich.“ Was für Tobias ein persönlicher Erfolg ist, steht für einen weltweiten Trend. Die sogenannten Abnehmspritzen gelten für viele als medizinischer Durchbruch, andere sehen darin ein überteuertes Lifestyle-Produkt. Fest steht: Kaum ein Medikament hat in den vergangenen Jahren einen vergleichbaren Hype ausgelöst.
Vom Diabetes-Medikament zum Schlankmacher
Ursprünglich wurden sogenannte GLP-1-Medikamente zur Behandlung von Diabetes Typ 2 entwickelt. Inzwischen gelten sie als Hoffnungsträger der Abnehm-Industrie. „In den vergangenen Jahren haben sich einige meiner Patientinnen und Patienten nach der Abnehmspritze erkundigt“, berichtet Allgemeinmedizinerin Sarah Kollmeyer, die lange am Marienhospital tätig war und inzwischen eine Hausarztpraxis in Neuenkirchen (Melle) führt. Für eine Therapie seien eine medizinische Indikation, ausführliche Aufklärungsgespräche und ärztliche Begleitung entscheidend. Gleichzeitig sieht sie aber die Grenzen der Kontrolle: „Wer die Spritzen haben möchte, bekommt sie auch. Wenn ich sie nicht verschreibe, macht es ein anderer. Die Gefahr von Missbrauch wird es immer geben.“
Medizin oder Luxus?
Grundsätzlich kommen Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 30 für eine Behandlung infrage. „Adipositas ist ein großes gesellschaftliches Problem. Für viele Betroffene ist es gut, dass es diese Medikamente gibt“, sagt Kollmeyer. Doch die Therapie hat ihren Preis. Weil gesetzliche Krankenkassen die Präparate meist als sogenannte Lifestyle-Medikamente einstufen, müssen viele Patienten die Kosten selbst tragen. „Ich habe einige Patienten, die sich das Medikament schlicht nicht leisten können“, berichtet die Hausärztin. Damit werden die Spritzen zu einem Luxusgut: Wer mehrere Hundert Euro im Monat aufbringen kann, erhält Zugang zu einer Therapie, die anderen verwehrt bleibt.
Millionen potenzielle Kunden
Der Hype dürfte weitergehen. Rund 16 Millionen Menschen gelten in Deutschland als stark übergewichtig – ein riesiger Markt für Pharmaunternehmen. Auch Susanne Schone (21, Name geändert) kämpft seit ihrer Jugend mit Gewichtsproblemen. Seit März bezahlt sie ihre Behandlung mit Mounjaro selbst. Rund 280 Euro kostet die Therapie pro Monat. 15 Kilogramm hat sie inzwischen verloren. Die Kehrseite: „Zeitweise hatte ich einen starken Blähbauch, Krämpfe und Durchfall.“ Zudem bleibt die Sorge vor dem Jojo-Effekt. „Durch meine Ernährungsumstellung hoffe ich aber, irgendwann ohne das Medikament auszukommen.“
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