
Interview mit Schiedsrichter Frank Willenborg
„Fehler beschäftigen mich lange“
Schiedsrichter Frank Willenborg hat nach mehr als 240 Spielen in der Ersten und Zweiten Bundesliga seine Karriere beendet. Der Wahl-Osnabrücker spricht im TNI-Interview über körperliche und mentale Belastungen, den Videobeweis, öffentliche Kritik, sein Leben nach der Referee-Laufbahn und die anstehende WM.
THE NEW INSIDER: Hallo Frank, warum hörst du nach der Saison auf?
FRANK WILLENBORG: Diese Entscheidung habe ich schon vor zwei Jahren getroffen. Früher gab es bei Schiedsrichtern eine Altersgrenze von 47 Jahren. Für mich war immer klar: Wenn ich das schaffe, wäre das toll. Zudem war mir wichtig, nicht den Moment zu verpassen, meine Karriere zu beenden. Außerdem sind die körperlichen Anforderungen enorm gestiegen. Die Leistungstests beim DFB sind sehr anspruchsvoll, und die Messung mit Lichtschranke ist erbarmungslos. Aber auch das Mentale spielt eine große Rolle. Jahrelang immer funktionieren zu müssen, hinterlässt Spuren. Es ist also ein guter Zeitpunkt aufzuhören, auch wenn mir der Kick fehlen wird, in ein vollbesetztes Stadion einzulaufen.
Wie stark hat der Schiri-Job dein Leben bestimmt?
Schon sehr. Meine Familie hat sich jahrelang komplett nach meinem Kalender gerichtet. Lehrgänge, Trainingslager, Spiele im In- und Ausland – ohne meine Frau Silvia und meine Familie hätte ich das nicht machen können. Die Schiedsrichterei hat mich aber auch zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Dass ich mal Bundesliga-Schiedsrichter werde, habe ich mir nicht träumen lassen und empfinde es als großes Privileg.
Wie waren die letzten Spiele?
Besonders emotional, weil ich nach einer zweimonatigen Verletzungspause es wieder auf den Platz zurück geschafft habe. Mit den Partien in Bochum, München und meinem letzten Bundesligaspiel in Gladbach habe ich einen unvergesslichen Abschluss gehabt. Dann noch als vierter Offizieller für das DFB-Pokalfinale nominiert zu werden, war die Kirsche auf der Torte.
Wie sieht dein Leben ohne Bundesliga aus?
Ganz ohne Fußball wird es nicht gehen. Erstmal möchte ich versuchen, eine Dauerkarte für den VfL Osnabrück zu ergattern. Außerdem trainiere ich seit Jahren Jugendmannschaften beim SSC Dodesheide. Und natürlich arbeite ich weiter als Lehrer an einer Realschule in Damme.
Hättest du gern auch mal bei einer WM gepfiffen?
Natürlich wäre das großartig gewesen. Aber der Weg dahin ist extrem schwer. Von 24 Bundesliga-Schiedsrichtern pfeifen nur zehn international, drei davon Champions League – und aus diesem Kreis ist einer WM-Kandidat.
Wie bereitest du dich auf Spiele vor?
Sehr intensiv. Wir analysieren über Video-Portale Standardsituationen und Spielweisen der Mannschaften. Ich kenne also häufig die jeweiligen Zielspieler. Zudem sendet mir der DFB einen sogenannten Prematch-Report. Darin enthalten sind wichtige Daten, zum Beispiel wer die meisten Fouls begeht oder am häufigsten gefoult wird, oder wer gelb vorbelastet ist. Wir reisen außerdem immer einen Tag vorher an, damit wir nicht im Stau stehen.
Was denkst du über den VAR?
Der VAR hilft definitiv, krasse Fehlentscheidungen zu verhindern. Bei den vielen Kameras im Stadion wäre es schwierig, komplett darauf zu verzichten. Aber die Kehrseite ist klar: Viele Überprüfungen dauern zu lange, Emotionen gehen verloren. Das Spiel wird gerechter, aber es fühlt sich nicht immer so an.
Wie gehst du mit Kritik und Fehlentscheidungen um?
Fehler beschäftigen mich lange. Sie sind wie eine kleine Narbe auf dem Herzen. Social Media versuche ich deshalb komplett auszublenden – das ist oft die Kloake der Meinungsbildung. Aber natürlich analysiert man jedes Spiel intensiv. Nach jedem Einsatz gibt es Gespräche mit Coaches. Für einen Schiedsrichter ist nach dem Schlusspfiff noch lange nicht Schluss.
Wann hat bei dir eigentlich alles angefangen?
1995 hab ich mit 16 Jahren mein erstes D-Jugendspiel gepfiffen. Damals gab es sieben Mark pro Einsatz. Ich bin also definitiv nicht des Geldes wegen Schiedsrichter geworden. (lacht) Dann ging es immer weiter aufwärts und irgendwann habe ich ganz oben angeklopft.
Wenn du eine Regel ändern könntest – welche wäre das?
Wahrscheinlich die Handspielregel. Die Konsequenz Strafstoß ist oft zu hart und spielentscheidend. Vielleicht könnte man manche Situationen eher mit indirektem Freistoß lösen.
Wie oft hörst du im Spiel: „Schiri – das war doch kein Foul“?
Fast so oft wie als Lehrer die Frage: „Was machen wir heute in Sport?“
Hat sich der Umgang der Spieler mit Schiedsrichtern verändert?
Ja – bei mir zum Positiven. Ich habe schnell gemerkt: Wenn du respektvoll mit Spielern umgehst, bekommst du das meistens zurück. Das gilt übrigens für jeden. Mit den Jahren entsteht dann eine Art Vertrauen und die Profis verzeihen einem auch mal Fehler.
Wie streng werdet ihr vom DFB bewertet?
Nach jedem Spiel bekomme ich eine detaillierte Analyse mit Noten und Videosequenzen. Da wird alles bewertet: Regelanwendung, Persönlichkeit, Fitness, Zusammenarbeit. Auch die Assistenten und der Videoschiedsrichter werden benotet.
Wie oft saßt du selbst im berühmten „Kölner Keller“?
Etwa 50 Mal. Aber ehrlich gesagt macht mir das Pfeifen auf dem Platz deutlich mehr Spaß. Deshalb werde ich nach meiner Karriere wahrscheinlich auch kein Videoschiedsrichter.
Könntest du dir vorstellen später – wie andere Ex-Schiedsrichter – als TV-Experte zu arbeiten?
Ich möchte dem Fußball verbunden bleiben, in welcher Rolle das sein wird, kann ich heute noch nicht sagen.
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